Doping und die Kunst des Projizierens

Wie vielleicht viele, die Jan Ulrich und Lance Armstrong über mehr als eine Tour de France vor der Glotze begleitet haben, ergibt sich für mich ein recht ernüchternder Rückblick und was die jetzige Tour angeht, auch desillusionierender Ausblick und das hat mit einem sehr ehrlichen Einblick in das Leben hinter die Kulissen des Profi-Radsports zu tun.
Nach Jahrzehnten der Vermutungen und des Verdachts ist bezüglich des Profi-Radrennsports nun die Katze aus dem Sack. Einer der es wissen muss, der seit Jahren dabei ist, hat ausgepackt. Wer nun noch glaubt, dass im internationalen Radsport an der Spitze etwas mit rechten Dingen zuging, ist naiv und eigentlich war er es schon vorher. Trotzdem rollen die Räder wieder bei der diesjährigen (Tor-)Tour, damit der Rubel weiter rollt. Letztlich geht es immer ums Geld. Der geständige deutsche Radprofi Jörg Jaksche macht ganz klar: Wer ganz vorne mitfahren will, hat gedopt und muss es auch weiterhin. Ohne Doping sind solche Leistungen nicht möglich.
Ganz sauber, so Jaksche, ist man völlig abgemeldet. Rückwirkend stürzen bei den Schilderungen des „geständigen Sünders“ die Helden nur so von den Podesten. Der dänische Tour-Sieger Bjarne Rijs hat ebenfalls bereits gestanden. Die Tatsache, dass die Zeitschrift dem Geständnis wohl mit Geld nachgeholfen hat, ändert wenig. Im Profisport dreht sich natürlich alles ums Geld. Und wo eigentlich nicht?
            Dabei reicht Doping heute weit über den Profisport hinaus. Der koksende Manager, der seine Performance verbessern will, und das Hungerhaken-Modell, das seinen Hunger mit Kokain unterdrückt, gehören auf jeden Fall auch in diese Kategorie, aber eigentlich auch alle, die sich künstlich mit Psychopharmaka oder Beta-Blockern beruhigen, vom klassischen Musiker, der damit seine Angst vor dem Stardirigenten kaschiert, über all die Schlafmittelkonsumenten bis zur überdrehten Hausfrau und Mutter, die ihren Vielfachjob nicht mehr anders geregelt bekommt und sich am Ritalin der Kinder vergreift, um bei Laune zu bleiben. Anstatt Entspannungsübungen zu praktizieren, werfen sie lieber Chemie ein und betreiben damit ihre Art von Doping. Aber gehören nicht auch die 60 Millionen US-Amerikaner, die ständig zur Stimmungsanhebung Anti-Depressiva wie Prozac schlucken und die Techno-Kids auf Ekstasy hierher? Und wie ist es mit den Schokoladenfans, die nach einer Tafel nicht aufhören? Diese drei Gruppen verbindet die Sehnsucht nach Glück und letztlich dem Neurotransmitter Serotonin. Sie alle wollen ein Ziel ohne entsprechende eigene Gegenleistung verwirklichen. Jede künstliche Leistungssteigerung und Stimmungsverbesserung mittels Psychopharmaka ist eigentlich Doping und jedenfalls Raubbau an der Gesundheit. In einer Gesellschaft aber, die schon tonnenweise Psychopharmaka an Kinder wie etwa Ritalin bei Hyperaktivität verfüttert, ist doch sehr auffällig, was für ein Aufhebens im Sport um das Phänomen Doping gemacht wird. 

            Tatsächlich sind wir eine ziemliche Doping-Gesellschaft geworden, in der der Zweck längst die Mittel heiligt, und die dopenden Sportler im Vergleich zum Rest der Gesellschaft eigentlich gar nicht mehr so schlimm wirken müssten. Das Gegenteil ist aber der Fall. Da Projektion die Welt beherrscht,geht man auf die Sportler besonders hart los und wiegt sich in der Illusion, dass durch die (über-)harte Bestrafung einiger überführter Radler und Schilangläufer das Problem gelöst sei und man so weiterhin eigenes Doping übersehen kann. Insofern ist es sogar verständlich, wenn alles so weiter geht, als gäbe es das Spiegel-Interview gar nicht. Kopf in den Sand oder wenigstens wegschauen, ist die Devise der Radsportmanager und Sportredakteure seit langem, aber eben auch der Zuschauer, die sich diese Farce von Sportlichkeit tagtäglich servieren lassen. Der Ehrliche bleibt weiter der Dumme und der geschickteste Betrüger bekommt zum Schluss den großen Preis. Typisch dafür die letzten Tourtage. Nachdem man nun mit einigen Bauernopfern für vermeintliche Sauberkeit gesorgt hat, werden die Doping-Kontrollen durchschaubar lax gehandhabt, wie die „Welt am Sonntag“ am 15. Juli berichtet.
 

            Andererseits ist beim Catchen schon längst klar, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelt und noch immer schauen viele von ästhetischen und sportlichen Erwägungen unbelastete Zuschauer gern dabei zu. Sie wollen gar nicht wissen, was da wirklich los ist, sondern einfach eine gute Show. Dazu aber gehört offenbar die ständige immense Leistungssteigerung, die nur über entsprechende Doping-Tricks zu erreichen ist.
Wer sich die Muskel bepackten Gestalten der Bodybuilding-Szene anschaut und ein wenig Ahnung von Sport und Medizin hat, weiß, dass man für solche Muskelberge mindestens 40 Stunden pro Tag trainieren müsste, was der Tag bekanntlich nicht hergibt. Insofern wird nachgeholfen und engagiert geschluckt – von Pillen bis zu Pulvern – Wachstumshormone, Androgene und Berge von Eiweißpulver. Diese Szene wird kaum kontrolliert und interessiert auch nur wenige. Und Eiweiß ist doch als normaler Nahrungsbestandteil auch legal, oder etwa nicht?
In allen anderen Bereichen außerhalb der Sportszene wird noch weniger über Doping geredet als in dieser Nische – und natürlich wird in der übrigen Gesellschaft nicht kontrolliert. Wer würde schon Doping-Kontrollen in Chefetagen oder zu Hause bei Managers erwägen. Das, würden wir sagen, ist doch wohl deren Privatsache. Ab und zu fliegen koksende Showstars auf und mal ein Fußballtrainer oder Talkmaster, die sich ein wenig zu weit exponieren. Danach geht alles so weiter wie vorher und man spricht nicht darüber, wie man steigenden Stress und zunehmende Anforderungen auf die Reihe bekommt.
Nur bei den Sportlern ist es ein öffentliches Anliegen und keinesfalls Privatsache. Gemessen an koksenden Showstars und Leistungsträgern, an Amphetamin schluckenden Kindern und Jugendlichen, sind dabei die Sportler fast schon harmlos.
Bei etwas distanzierter Betrachtung wirkt das Ganze wie das Profi-Amateur-Theater, das der greise IOC-Präsident Avery Brundage vor vielen Jahren zur Rettung seiner Illusion vom reinen Amateursport inszenierte. Er unterschied noch zwischen sauberem Amateursport und anrüchigen Profis, die Geld für ihre Darbietungen nahmen, als der Ostblock bereits seit Jahren nur noch Profis schickte, und der Westen sich mit allerlei Verrenkungen anschickte, den Anschluss zu wahren.
Der österreichische Schistar Karl Schranz durfte damals nicht an Olympia teilnehmen, weil er zu Dingen stand, die alle anderen auch taten, nur nicht zugaben und die aus heutiger Sicht sowieso völlig harmlos sind. Mit Herrn Brundage fiel die letzte Amateur-Illusion und Olympia wurde auch offiziell zu dem Kommerzspektakel, das es in Wirklichkeit wohl schon immer war. Nicht einmal die Athleten der Antike waren reine Amateure, sondern sanierten sich mit einem Olympiasieg fürs restliche Leben. Es änderte sich mit der Abschaffung der Amateurillusion eigentlich gar nichts, lediglich Ehrlichkeit kam ins unveränderte Spiel. Alles, was Massen faszinierte, wurde von da ab auch im Sport – wie im übrigen Showbusiness - zur Profi-Domäne.
            So ein Schritt könnte auch heute wieder anstehen. In Gesellschaften, deren Mitglieder Doping in allen möglichen Bereichen betreiben und jedenfalls tolerieren, läge es nahe, sich zu mehr Ehrlichkeit durchzuringen und Doping vielleicht sogar einfach freizugeben. Radsport ohne Doping ist eine Illusion und – wie sich allenthalben zeigt - nicht durchzusetzen. Immer wieder ein paar Sportler zu Sündenböcken abzustempeln und aus dem Verkehr zu ziehen, um die Illusion sauberen Sports aufrecht zu erhalten, ist ebenso unehrlich wie durchschaubar und erinnert an den Fall Schranz.
            Man könnte argumentieren, wer sich im Gladiatoren- oder Raubtier-Bereich des Spitzenprofisports exponieren will, soll selbst die Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen. Er darf sich in eigener Regie und Verantwortung die Gesundheit ruinieren genau wie der koksende Spitzenmanager mit Bluthochdruck. Natürlich wird das die Burnout-syndrom nicht gerade mindern, aber warum solch einen Unterschied machen zwischen Sportlern und dem Rest der Welt?
Vielleicht wollen die Sportfunktionäre so viel Ehrlichkeit nicht, weil sie um die Attraktivität ihrer (un-)sportlichen Volksbelustigungen fürchten? Denn wer würde noch zuschauen bei der Tour de France, wenn klar und ehrlich gesagt würde, jeder der Athleten kann seine Leistung fördern wie er will und also dopen?
            Vielleicht aber würden sogar wieder mehr zuschauen als bei der jetzigen Tour de Farce, wo – für fast jeden durchschaubar - ein Pelleton von Lügenbaronen durchs Land radelt. Wer sich die heute auf dem Tisch liegenden Fakten zu Gemüte führt, wird kaum vor dem Fernseher ausharren, um mit zu bekommen, wie der raffinierteste Schwindler zum Schluss dekoriert wird und auf entsprechende Fragen das Millionenpublikum belügt.
Im Augenblick sind diese leicht durchschaubaren Lügenauftritte der (noch) nicht Geständigen fast noch das Interessanteste. Die Betreffenden lügen zum Teil so schlecht, dass es für psychologisch Vorgebildete eine Zumutung ist. Da hat man schon fast Hochachtung vor denjenigen, die für einen Moment der Geradheit und Ehrlichkeit, wenigstens die alten verjährten Vergehen zugeben, um dann munter weiter zu machen beziehungsweise zu fahren.
Bei all dem kommt die Frage, worum es da konkret geht, ziemlich (zu) kurz. Die Radsportler lassen sich inzwischen vor allem eigenes Blut geben, das sie selbst - etwa beim Höhentraining - mit mehr Blutkörperchen aufgeladen haben. Medizinisch ist das eher harmlos. Letztlich macht heute jeder gut beratene Patient vor einer absehbar anstehenden Operation das gleiche. Er lässt sich in guten Zeiten Blut abzapfen, um es sich in schlechten beziehungsweise bedürftigen wieder zurückgeben zu lassen. Genauso macht es der Radprofi. Er kann die Operation (Tor-)Tour de France absehen und weiß auch, dass er da bedürftig sein wird, etwa bei Bergetappen. Es wird ihm sicher Blut, beziehungsweise ein hoher Anteil an roten Blutkörperchen fehlen. Also trainiert er vorher in der Höhenluft, wo der Körper das Blut eindickt, um bei der dünnen Luft besser und mehr Sauerstoff transportieren zu können und lässt sich dieses „fitte“ Blut für die kommenden anstrengenden Zeiten abzapfen. Wenn dann etwa die Operation Pyrenäen ansteht, gibt es einen Schwung eigenes konserviertes, vor vitalen Erythrozyten ganz dickes Blut und er fährt die Berge mit neuer Kraft beziehungsweise mehr Luft hinauf. Bei der älteren Variante haben sich die Gladiatoren der Straße Erythropoetin (kurz Epo) gespritzt, ein Hormon, das die Bildung der roten, Erythrozyten genannten Blutkörperchen, fördert.
Andere nehmen männliche Hormone. Dass Millionen Frauen mit den Antibabypillen bis heute und mit den Wechseljahre-Hormonen bis vor kurzem mit weiblichen getan haben, ohne dass Schulmediziner Anstoß daran genommen hätten. Die meisten taten es sogar auf ärztlichen Rat. Ähnliches gilt für das Kortison, das viele Radprofis nehmen, ist es doch eines der beliebtesten schulmedizinischen Mittel.   
            Mit der Blutverdickung machen die Radprofis genau das Gegenteil jener Patienten, die ihr Leben nicht mehr in Fluss halten können und deren Lebenssaft zu dick wird. Entweder nehmen diese heute Marcumar, wenn es um die Vermeidung von Bluteindickung im venösen Bereich, im Hinblick auf Thrombosen, geht, oder ASS, um das arterielle Blut im Fluss zu halten.    
            Auch wenn die manipulativen Eingriffe der Sportler nun eigentlich – gemessen am Rest der Bevölkerung - gar nicht mehr so schlimm erscheinen mögen, weil sie in allen möglichen Bereichen der Gesellschaft in ähnlicher Form längst üblich sind, könnte die Doping-Gesellschaft trotzdem die Sportler weiter hart aburteilen, um so das eigene schlechte Gewissen zu besänftigen. Das nennt man Projektion: Statt die eigenen Probleme zu konfrontieren, bestraft man lieber andere stellvertretend.
Man macht hin und wieder ein paar Rad- und Skilanglaufprofis zu Bauernopfern, wie seinerzeit Avery Brundage Karl Schranz, und kann ruhig weiter schlafen und sich an vermeintlich sauberem Sport ergötzen. Verlogenheit ist in einer Gesellschaft, deren Mitglieder mehrheitlich vor 40 sterben und erst nach 80 eingegraben werden, kein System erschütterndes Phänomen. 
            Andererseits könnten wir es so leicht haben und einfach entspannen: wenn man alle einfach dopen ließe, wäre es eigentlich wieder geradezu demokratisch und fair. Alle hätten die gleichen Chancen, und es könnte erstmals wieder der beste Sportler gewinnen. Jetzt fahren einige ehrliche hinterher und viele unehrliche machen den Sieg unter sich aus. Das ist so wenig attraktiv, dass ich deswegen keine Minute mehr vor dem Fernseher verschwenden würde und mir all die vergangenen Leid tun.
            Da die letzten Jahre zeigen, dass sich Doping gar nicht wirklich kontrollieren lässt, könnten wir den Mut finden, radikale Schnitte zu machen. Ganz aufhören würde Doping wohl erst, wenn sich niemand mehr für diese Tour de France und diese Hungerhaken-Modells oder auch überdimensionierten Bodybuilder interessieren würde. Das aber ist nicht zu erwarten bei Menschen, die es ganz ähnlich machen wie ihre kranken Vorbilder.
            Also bleibt die Frage, weiter so unehrlich vor sich hin wurschteln und Sportler fördern, die vor lauter Lügen kaum noch jemandem in die Augen schauen können, oder jedem die Freiheit zu geben, sich – dann allerdings auch ganz offen und professionell – zu dopen. Das wäre medizinisch überwacht, sicherlich vergleichsweise harmloser als das heutige System.
            Wir erlauben ja auch plastische Chirurgie. Auch dadurch wird etwas vorgetäuscht, was nicht natürlich ist. Die Leistungen im Profisport sind schon längst nicht mehr natürlich. Wenn wir diese Leistungen wollen, sollten wir so fair sein, allen Profis gleichermaßen zu erlauben, die Grundlagen dafür zu schaffen. Wir erlauben ja auch Menschen Kette zu rauchen und ihre Lebern und Hirne zu Grunde zu saufen. Das ist nicht zu empfehlen, aber gängige Praxis, gegen die sich scheinbar nichts machen lässt und so hat die bürgerliche Gesellschaft davor zuerst resigniert und dann kapituliert. Kurzzeitig hat die US-Gesellschaft in der Prohibitionszeit auf ein Alkoholverbot gesetzt. Es dauerte aber nicht lange, bis man erkannte, dass das die Alkoholprobleme nicht beseitigte, sondern nur die Mafia bereicherte und man hat es – intelligenter Weise - wieder aufgegeben. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis ähnliches im Hinblick auf Doping passiert. Bis dahin muss man eben, wenn man ehrlichen und fairen Sport sehen will, auf andere Sportarten als Rad- und überhaupt Ausdauersportarten setzen.
           Die beste Alternative zum Doping wäre natürlich Ehrlichkeit auf allen Ebenen. Das würde bedeuten, wer mehr Leistung will, strengt sich mehr an, wer Entspannung will, übt Meditation, wer mehr physische Kraft will, trainiert seine Muskeln, wer Wachheit will, verbessert seinen Schlaf, wer geistige Frische will, lüftet und übt seinen Geist, wer Ekstase will, führt ein ekstatisches Leben, wer anmachende Ausstrahlung will, lebt so, dass seine Augen von innen heraus strahlen und die prickelnde Vitalität ansteckend wirkt, wer reine Haut will, führt ein reines Leben, wer Bewusstheit will, übt dieselbe durch Achtsamkeitsübungen. So lange wir alle da noch so viele Kompromisse machen, sollten wir vielleicht auch mit den Sportlern milder sein und nicht von ihnen eine Ehrlichkeit fordern, hinter der wir alle so meilenweit zurück bleiben. 

Aus: DAHLKE-INFO No. 06/2007


 

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