Deutschland als Patient

Nach einer rundum erfolgreichen Vortragsreise durch Deutschland stellen sich mir, der ich das Land seit einiger Zeit vor allem aus dem österreichischen, schweizerischen und italienischen Auslandsperspektive erlebe, verschiedene Fragen. Wäre Deutschland ein Patient, wie stünde es um ihn, was müsste man ihm raten? Nachdem ich selbst 45 Jahre Deutscher war und 50 Jahre in Deutschland gelebt habe, bin ich natürlich nicht wirklich objektiv, aber gerade weil ich von diesem Land geprägt bin, mit ihm gelebt und das Leben in ihm genossen habe, kann ich jetzt auch mit ihm leiden. So will ich versuchen, diesem immer noch wundervollen Land seine Situation zu erklären und seinen Zellen wieder Hoffnung zu machen. Auch wenn das hart werden wird. Um solch einem gewichtigen Patienten bis in die Tiefen seiner Seele gerecht zu werden, ist es natürlich notwendig, die Vorgeschichte bis ins Vorleben zu berücksichtigen. Die Empfängnis war schon nicht komplikationsfrei, geschah sie doch in den Wirren einer selbst verursachten Chaossituation und war geprägt vom Vorleben als autoritärer Terrorstaat. Das mag bis heute herein spielen, wenn Deutsche andere Staaten des Terrors bezichtigen.
Auf dieser Basis konnte in der Frühschwangerschaft, die vom verständlichen Misstrauen der Umgebung geprägt war, kein rechtes Urvertrauen aufkommen, was sich in einem späteren ständigen Mangel an Selbstvertrauen zeigen musste.
In zwei Hälften zerrissen, ermöglichte die verzeihende Großherzigkeit der ersten Siegermacht dem einen Teil, der BRD, einen äußerlich ansprechenden und fairen Neuanfang, während die andere kleinere Hälfte in Gestalt der DDR unter der Knute einer gar nicht großzügigen Siegermacht wirtschaftlich und kulturell lange nicht auf die Beine kam und schon gar nicht auf die eigenen.
Die Geburt war auch nicht gerade leicht, denn die beiden großen Siegermächte waren, gerade noch verbündet, inzwischen einander spinnefeind und zogen ihre jeweiligen Zöglinge von Anfang an mit in ihren Bruderkrieg. Die Geburtshilfe der Sieger war also nicht selbstlos, aber im Fall der BRD immerhin sehr wirksam etwa in Gestalt des Marshallplans. Die beiden Staaten entwickelten sich unter den Fittichen solcher Geburtshelfer in ganz verschiedene Richtungen. Im Fall BRD folgten die Bürger freiwillig, im Fall der DDR gezwungenermaßen ihren „Gönnern“, wobei die Sowjetunion ihrem Zögling außer der eigenen Ideologie wenig gönnte, während die Vereinigten Staaten der BRD vieles zukommen ließen und ihr die volle Freiheit gönnten, ihnen treu zu folgen zum beiderseitigen Vorteil.
Der einzige Pubertätsversuch der DDR wurde am 17. Juni 1953 von Mütterchen Russland brutal zusammengeschlagen. Den politischen Geschwistern Ungarn und CSSR ging es 1956 und 68 noch schlimmer, und so fügte man sich in die eigene staatliche Misere. Die Menschen flohen ganz konkret und unter Lebensgefahr in die andere Landeshälfte oder – weniger dramatisch - nach innen in die innere Emigration, wo sie es sich bequem machten und sich äußerlich mehr oder weniger arrangierten. Naturgemäß sollten sie später ein resignatives Erbe mit in das wiedervereinigte Deutschland einbringen.
Dagegen verzeichneten die Bürger der BRD eindrucksvolle wirtschaftliche Erfolge. Erfolg kann zwar nie Selbstvertrauen ersetzen, aber doch ziemlich beruhigen, schon weil er die Schaffung von Reserven ermöglicht. Der BRD ging es (wirtschaftlich) so gut, dass sie erst gar keine Pubertätsversuche unternahm und auch Emanzipationsschritte bis ins nächste Jahrtausend verschob, einmal abgesehen von dem kurzen Aufmucken der 68-er. Deren Protest gegen die einseitig ökonomische Interessenslage und die Hörigkeit gegenüber den USA fand zwar in breiten Kreisen wenig Resonanz, reichte aber doch, um eine späte Pubertät zu markieren. Die Bürger machten es sich aber viel lieber in einer soliden Overprotection-Situation gemütlich, pflegten ihr Wirtschaftswunder und muckten nicht einmal in Gedanken auf.
So dauerte es ein halbes Jahrhundert bis weiteres Selbstvertrauen erworben war, das zwar das fehlende Urvertrauen auch wieder nicht wettmachen konnte, aber doch zu eigenständigem Denken verführte. Tatsächlich verweigerte nun eine spätpubertäre rot-grüne Politbande, die seit 68 geübt und jetzt die Macht demokratisch errungen hatte und insofern vom Ziehvater USA offiziell nicht einmal zu beanstanden war, dem großen Bruder erstmals die Gefolgschaft und zog einfach nicht mit in deren Lieblingskrieg. Den Vorläuferkrieg hatten die schwarz-gelben Sachwalter noch fast allein finanziert in der Hoffnung so wenigstens nicht schief angeschaut zu werden, wo man doch in die heiße Schlacht – auf Grund der eigenen Vergangenheit - nicht eingreifen konnte.
Wie war dieser freche über Jahrzehnte undenkbare antiautoritäre Emanzipationsschritt möglich geworden? Das Selbstvertrauen hatte zugenommen, denn man war ein gutes Stück gewachsen, genau um jene DDR, die sich sozusagen selbst freiwillig und reichlich gedemütigt eingemeindet hatte. Nachdem das Land jahrzehntelang an seiner selbst gewählten Psoriasis gelitten hatte, erklärte es – gezeichnet von wirtschaftlicher Insolvenz und politischem Bankrott - seinen bedingungslosen Beitritt zu einem größeren Deutschland, das in allem der alten BRD entsprach. Es war der DDR nie gelungen, die eigenen Bürger für die eigene Staatsidee zu begeistern, im Gegenteil. Als sich schließlich auch noch die Schutzmacht Sowjetunion aus ihrer Stagnation befreite und Gorbatschow sozusagen von oben herab zur Emanzipation aufrief, war es soweit. Schon bald tauchten T-Shirts mit dem doppelsinnigen Slogan auf: „Lenin – the party is over.“
„Völker hört die Signale...“ hatten die DDR-ler lange genug gehört und so hörten, horchten und gehorchten sie der mächtigen Stimme von ganz oben. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ war der Schlüsselsatz und die mutigeren Kinder der DDR verstanden und meldeten sich zu Wort. Mit dem Spruch „Wir sind das Volk“ gingen sie ihren Politbürokraten so lange auf den Wecker bis diese sich widerwillig, aber wenigstens friedlich verzogen.
Wie konnte es mit dem so hoffnungsvoll begründeten Arbeiter- und Bauernstaat soweit kommen? Nicht einmal die Arbeiter und Bauern hatten ihm die Stange gehalten, von den Intellektuellen ganz zu schweigen. Die Panzerung nach außen hatte sich in Gestalt der Schuppenflechte beziehungsweise Mauer – wie bei Symptomen üblich - nicht bewährt, denn obwohl man unendlich viel in Grenzbefestigung investierte und den weltweit berüchtigten eisernen Vorhang hochzog, war man von innen heraus ausgeblutet. Auch der Schuppenflechtenpatient investiert sein Wertvollstes, das Eiweiß, in die Grenzrüstung ohne wirklichen Schutz zu bekommen. Gepanzert wie ein mittelalterlicher Ritter, hat das Land auch ein ähnliches Schicksal erlitten. Es war in seiner Unflexibilität von so ziemlich allen Entwicklungen überholt worden. Unfähig sich zu bewegen und den Notwendigkeiten anzupassen, hatte es sich zusammen mit den anderen kaum minder gepanzerten Rittern des Warschauer Paktes in die Aussichtslosigkeit manövriert. Die Glaubwürdigkeit bei den eigenen eingesperrten Bürgern war bald verloren, von der im Ausland ganz zu schweigen. Wichtiger für das schlussendliche Debakel aber war noch der ständige Verlust der eigenen Intelligenz in Gestalt der Akademiker.
Über Jahre hatten sich die cleversten Spezialisten – kaum waren sie fertig ausgebildet – ihrer Diskriminierung entzogen und in den freieren Westen abgesetzt. Sie hatten sich „nomen est omen“ im Arbeiter- und Bauernstaat offenbar nicht wohlgefühlt. Das mag auch mit mangelnder Solidarität zu tun gehabt haben, aber wer ist schon solidarisch mit seinem Unterdrücker? Von Anfang an war der brain-drain, der Abfluss der Intelligenz, sicher den schlechteren Lebens- und Verdienstverhältnissen in der DDR geschuldet.
Es kam wie bei jeder Festung: am Ende nützten die Schutzwälle nichts. Die Mauer brach von innen und alles konnte raus und vieles rein. Das Polaritätsgesetz ließ grüßen und ein über Jahrzehnte gepflegtes Horrorszenario wurde wahr. Der Ausverkauf der DDR konnte beginnen, und bevor man sich versah, hatte das Land die Besitzer gewechselt. Die hereinkommenden Hilfsmilliarden kamen nicht ganz selbstlos– ähnlich wie damals die des großen Bruders USA, bei dem die westlichen Brüder eine so vielversprechende Lehre genossen hatten. In Wahrheit kauften sie das kleine heruntergewirtschaftete Land und seine Industrie schlicht und einfach auf, in der irrigen Hoffnung, die „befreiten“ Ex-DDR-ler würden ein Wirtschaftswunder entfachen, wie sie es selbst nach dem Krieg gemacht hatten.
Aber nach einem halben Jahrhundert Kommunismus, nach dem beispiellosen brain-drain, waren die systematisch von jeder Eigenverantwortung ferngehaltenen Neudeutschen dazu weder Willens noch in der Lage. Mal ganz abgesehen davon, dass diese sich global völlig verändert hatte. Die neuen Bundesländer und ihre Menschen erwischten den denkbar schlechtesten Einstiegszeitpunkt für ein Wirtschaftswunder. Angesichts einer immer gnadenloseren Globalisierung erlebten sie eher ihr blaues Wunder. Für die damit einhergehende ständig brutaler werdende Konkurrenz waren sie obendrein denkbar schlecht gerüstet, weil völlig unvorbereitet.
Sie hatten eindeutig bei ihren Demonstrationen zum Ausdruck gebracht, dass sie mitreden wollten, aber später auch gezeigt, dass ihnen das Einkaufen mindestens so wichtig war. Als die DM nicht sofort zu ihnen kam, waren sie massenweise – das hatten sie ja lange genug geübt – zur DM (über-)gelaufen. Und sie hatten wirklich Pech, zwar war die DM damals noch hart, aber es war inzwischen auch sehr hart geworden, sie zu ergattern. Außerdem wurde sie ihnen schon ganz schnell – viel zu rasch für Viele und lange bevor sie sich so richtig genießen konnten– wieder entzogen.
Zwar gab es viel Anlass auf das so friedlich Erreichte unendlich stolz zu sein, allein (fast) alles schaute bald nur noch auf das Geld und das ökonomische Wachstum, das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt anfing, deutlich nachzulassen und schon bald richtig zu schwächeln. Dabei wären so viele so wichtige Wachstumsprozesse auf anderen Ebenen notwendig gewesen.
Das auf diese nicht unproblematische Weise erstarkte, weil so erheblich gewachsene Deutschland, das sich nun nicht mehr mit drei Buchstaben einfach abkürzen ließ, wählte sich wieder seine alte zur neuen Hauptstadt und entschied sich damit für ein altbekanntes Feld. Vorbei war es mit der provinziellen rheinischen Gemütlichkeit, wo man zwar mal – aus schlechtem Gewissen - einen Krieg mitfinanzierte und großzügig darauf verzichtete, sich das Wechselgeld rausgeben zu lassen, aber sich ansonsten doch weltpolitisch sehr zurückhielt. Jetzt wollte man wieder mitreden (in der UNO etwa) und auch schon wieder mitmarschieren (bei den gut gemeinten Kriegen).
Um der gewachsenen Verantwortung allerdings gerecht zu werden, müsste man erst einmal erwachsen werden. Das ist allerdings – siehe „Lebenskrisen als Entwicklungschancen“ - ein innerer Prozess, nicht nur einer des äußeren Wachstums. Und selbst dieses funktioniert hierzulande nicht mehr, da Wachstum Selbstvertrauen und Eigeninitiative braucht und nicht nur Anspruchsdenken in ökonomischer Hinsicht. Das Land, beziehungsweise seine Wirtschaft müsste unbedingt wachsen, aber obwohl es rundum passiert, in Deutschland klappt es einfach nicht.
Während gutmeinende Geister wie Willi Brandt, der die ganze Entwicklung mit seiner Ostpolitik eingeleitet hatte, noch dachten, es wüchse endlich zusammen, was immer zusammengehört hätte, wurde in Wahrheit zusammengeschraubt, was schon lange nicht mehr zusammenpasste. Brandts Verdienst war, dass er sich die feindlichen Brüder hinter ihrem eisernen Vorhang wieder persönlich zur Brust genommen hatte, und schon diese leise Öffnung trug den Samen der Freiheit über die Grenzen und ließ ihn aufgehen.
Anfangs war noch ganz offen, was aus dem möglichen Wunder der Wiedervereinigung werden würde. Rasch ergab sich, dass es sich eher um eine große Krise handelte. Die blühenden Landschaften entstanden einfach nicht und schon gar nicht so schnell – irgendwie hatte es mit der Befruchtung nicht geklappt.
Nun hätte aber sogar die Krise noch zwei mögliche Entwicklungsrichtungen gehabt - getreu dem chinesischen Schriftzeichen für Krise, das sich aus den beiden Symbolen für große Gefahr und große Chance zusammensetzt. Griechisch heißt Krise auch Entscheidung und auch das hätte einen Ansatz ermöglicht. Die Entscheidung allerdings, das entstandene Dilemma einfach mit Geld zu lösen, geriet zum Reinfall, obwohl diese Versuchung natürlich nahe lag. Die neuen Bundesbürger hatten sich eindeutig für das Geld in Gestalt der alten DM entschieden und so gab man es ihnen reichlich und erwartete wenn nicht Dankbarkeit, so doch wenigstens ein Wirtschaftswunder.
Um das ganze ökonomisch überhaupt darstellen zu können, erfand man eine „Solidaritätssteuer“, die von keinerlei Solidarität in der Bevölkerung getragen war, was sich an dem späteren Versuch zeigte, sie der Freiwilligkeit anheim zu stellen. Er scheiterte mehr als kläglich, was die neuerliche Einführung des zwangsweisen „Solidaritätszuschlags“ notwendig machte. Die Not des neuen großen Staates aber konnte so auch nicht wirklich gelindert werden, denn sie war und ist mehr eine seelische als eine finanzielle. Eine erzwungene Solidaritätszahlung ist eigentlich schon Ausdruck des ganzen Dilemmas. Solidarität kann immer nur etwas Inneres Freiwilliges sein, dass sich dann außen in verschiedenen Maßnahmen wie etwa auch Zahlungen niederschlagen kann. Hier wurde es genau umgekehrt gemacht, blieb völlig äußerlich und musste folglich scheitern.
Das staunende Ausland hätte gern die finanziellen Sorgen der Deutschen und bestaunt den weit über die Landesgrenzen widerhallenden Jammer auf höchstem (ökonomischen) Niveau. Wie konnte aus „Besserwessis“ und „Jammerossis“ ein solches Amalgam werden, wo heute (fast) alle jammern und (fast) alle alles besser wissen? Kein Urvertrauen, kein Selbstvertrauen, keine Ideen und nicht einmal Widerstand gegen den Verfall. Jenseits der Grenzen taucht zunehmend die Frage auf: Ist das Volk der Dichter und Denker noch ganz dicht? Was ist denn los mit dem großen Kanton im Norden, wollte ein Schweizer neulich ganz fassungslos von mir wissen.
Besonders beliebt waren wir Deutschen wohl nie, außer vielleicht bei den Italienern und den Amis, bei letzteren jedenfalls so lange wir folgsam waren. Inzwischen aber werden wir weithin ausgelacht. Äußerlich sind wir zwar groß geworden und haben immer noch eine Wirtschaftsmacht, für die wir bis vor kurzem, wenn schon nicht gemocht, so doch wenigstens respektiert, beneidet und fallweise sogar bewundert wurden. Innerlich aber können wir zu dieser Größe offenbar noch längst nicht aufschließen und nicht einmal wirklich stehen.
Das Selbstbewusstein ist viel zu gering für die neue angestrebte (alte) Rolle – was Wunder auch bei diesem Anfang und dieser Vorgeschichte und dem daraus resultierenden Mangel an Urvertrauen. Die Politiker rangeln schon um die Weltmachtposition und die damit verbundene Stimme im Sicherheitsrat der UNO und natürlich das Vetorecht. An Deutschland soll in Zukunft wieder keiner vorbeikommen. Aber welch erbärmliches Bild kontrastiert dazu im Lande. Längst ist nicht zusammengewachsen, was einmal auseinandergerissen wurde, nach einem selbst zu verantwortenden Fehltritt, der seinesgleichen in der Geschichte nicht findet.
Das nach dem Krieg neu erstandene Deutschland ist immer noch ein junger Staat, der die Adoleszenz, die Entlassung in die Eigenverantwortung gerade erst hinter sich hat, und nun mit seinem inneren Erwachsenwerden kämpft. Jetzt wäre – nach dem archetypischen Lebensmuster - Visionssuche an der Zeit und mit ihr Themen der Sinnfindung. Aber davon lässt sich bisher wenig bis nichts spüren. Hier läge aber die Aufgabe. Eine Krise ist eben immer auch Chance, und es ginge nun darum, Visionen zu entwickeln für ein wirklich neues Deutschland. Die Karikatur davon hatten die Ossis in Gestalt ihrer Staatszeitung ständig vor Augen gehabt, jetzt ginge es darum, Nägel mit Köpfen zu machen.
Die Adoleszenz ist natürlich eine schwierige Zeit, da darf es ruhig auch Probleme wie bei jedem Geburtsprozess geben. Statt ständig wegen der ökonomischen Wünsche herumzunörgeln, könnten wir uns darauf besinnen, dass es auch anderen Luxus gibt, den nämlich seit 60 Jahren in einem ziemlich friedlichen und jedenfalls kriegsfreien relativen Paradies zu leben, wie es keiner früheren Generation vergönnt war. Wir könnten darauf kommen, dass durch den Luxus Lux, das Licht, hindurchscheint. Dabei könnte uns ein Licht aufgehen, dass es – zur Abwechslung auch einmal um Werte in anderer Hinsicht gehen könnte, nicht nur um den Wert des Euro und der Aktien. Ja, wir könnten uns dem Licht und der Suche danach widmen, wie es alte Kulturen in alten Zeiten ihren Mitbürgern zur ersten Aufgabe machten.
Die nörgelnde Anspruchshaltung mag aus der Geschichte verständlich sein, aber sie hat keinen Platz mehr in dieser sich so rasch entwickelnden Zeit und sie wird keine Gnade finden vor der Geschichte. Mildernde Umstände gibt es nicht mehr, die Ansprüche werden entweder freiwillig angepasst oder durch die Umstände und mit Nachdruck.
Die Trends der Zukunft sind absehbar: es wird einen Überfluss an billigen Waren überall auf der Welt geben, und ein ebensolcher Überfluss an billiger Arbeitskraft wird hinzukommen. Außerdem wird die Amerikanisierung der Welt fortschreiten, einfach weil die Amerikaner – nach dem Resonanzgesetz – weiterhin die besten Köpfe der Welt aus aller Welt auf allen Gebieten anziehen werden, anstatt sie zu vertreiben wie es die Sowjetunion über Jahrhunderte gemacht hat und wie es die DDR ihr über Jahrzehnte nachgemacht hat.
Die daraus resultierende Überlegenheit auf allen äußeren Ebenen könnten wir nur durch andere, vor allem innere Wertigkeiten aufwiegen. Statt krampfhaft zu versuchen, nach US-Vorbild Billiglohn-Jobs zu schaffen, könnten wir wieder auf die Vermittlung von Berufen setzen, die den Menschen Berufung sind, weil ihre Seele den jeweiligen Ruf erkennt. Wir könnten wieder auf Bildung setzen und erkennen, dass dazu die Vermittlung von Bildern notwendig ist. Wer wäre geeigneter als die Deutschen sauberer ökologischer Energietechnik zum Durchbruch zu verhelfen. Wir könnten Gesundheit in einem ganzheitlichen Sinn zu definieren lernen und uns wieder mit Heilung beschäftigen, anstatt immer aufwendigere Reparaturkonzepte nachzubeten. Wir könnten die Sinnfrage entdecken und uns fragen, was noch Sinn macht in dieser sich so rasch wandelnden Zeit. Schließlich müssten wir – wer sonst - den Wechsel vom Quantitäts- zum Qualitätsbewusstsein schaffen und erkennen, dass Zeit neben ihrer Quantität auch Qualität hat, ebenso wie Geld.
Dann könnten wir vielleicht auch wieder Dankbarkeit empfinden und Glück, Zufriedenheit sogar und Genugtuung über ein lebenswertes Leben in einer Welt, die mehr denn je dem zeitlosen Spruch des Vorsokratikers Heraklit nachkommt, der schon vor Jahrtausenden erkannt hatte, dass alles fließt – panta rhei.
Noch schaut die Wirklichkeit ganz anders aus. Eine Mehrheit, die sich an der neuen Größe und Stärke nicht freuen kann, die sie vor allem nicht spürt, die gänzlich verzagt inzwischen schon Geiz „ geil“ findet, und sich offenbar nichts mehr leisten will und nichts mehr gönnen kann, nicht einmal mehr auf der materiellen Ebene, wo das doch die einzige war, wo wir bisher ganz vorn mitmischten, diese Mehrheit steht sprachlos und vor allem reaktionslos einer (glücklicherweise noch) winzigen Minderheit gegenüber, die sich schon wieder alter, ja uralter und gestriger Stärken rühmt, die die alte ewig gestrige Leier anstimmt und deutschnational, wenn nicht schlimmer dahergrölt und -kommt. Zum alten Vertrauten, das zwar Angst und Schrecken über die Welt brachte, aber dem eigenen schwachen Selbstbewusstsein Aufwind gab, zurückzugehen, ist ein Zeichen der Schwäche einerseits und der Unbelehrbarkeit andererseits. Stagnation ist da besser, aber nicht gut genug. Letztlich müssten wir vorwärts gehen und mit der Zeit, die Spaltungen nicht nur äußerlich, sondern vor allem im Bewusstsein überwinden, und eben nicht nur die zwischen Ost und West.
Wenn wir wieder zu echtem Selbstbewusstsein kommen wollen, wäre zuerst die Vergangenheit wirklich und wirksam zu bewältigen, statt zu verdrängen. Ansonsten wird Deutschland weiterhin belächelt werden, was jetzt sogar schon Bereiche ursprünglicher Stärken trifft. Wenn sich deutsche Renommierfirmen wie Mercedes und Siemens so lange lächerlich machen bei dem Fehlversuch, ein Mautsystem zu etablieren, wird man in Österreich natürlich schmunzeln, denn das eigene System hat sofort funktioniert, es ist einfacher und offenbar einfach besser.
Wenn allen deutschsprachigen Ländern eine völlig überflüssige Rechtschreibreform aufgezwungen wird, die alle auf die Reihe kriegen, außer die deutschen Renommierverlage FAZ, Springer und Spiegel, lacht das Ausland verwundert. Können die sich nicht vorher überlegen, was sie anrichten, fragt man sich fassungslos. Wenn allen Ernstes eine Rückkehr zur alten Schreibe erwogen wird, empfinden das alle anderen – wahrscheinlich auch die deutschen Kinder, als eine geldverschwendende Rücksichtslosigkeit. Aber es ist natürlich vor allem Ausdruck einer rückwärtsgewandten, unflexiblen Geisteshaltung, die nebenbei von anderen als Nötigung empfunden wird. Bevor man sich selbst auch nur ein wenig bewegt und umstellt, verlangt man von anderen vermeintlich Schwächeren wie den eigenen Kindern und den Nachbarstaaten lieber den doppelten Salto rückwärts, koste es was es wolle.
Wenn die nun dank Pisa schwarz auf weiß zu bestaunende deutsche Bildungsmisere dazu führt, dass man allen Ernstes die Lösung daran sieht, ein System, das schon am Vormittag nichts taugt, auch noch auf den Nachmittag auszudehnen, dann kann die Welt es nicht fassen, besonders, dass sich in Deutschland kein Widerstand gegen den Widersinn regt. Der Versuch, mit immer mehr vom selben noch irgendetwas zum Besseren zu wenden, ist von Paul Watzlawick schon vor Jahrzehnten als sinnlos entlarvt worden. Könnte es sein, dass man Watzlawick schon nicht mehr versteht, weil das Bildungsniveau nicht mehr ausreicht?
Ein Mensch mit mangelndem Ur- und folglich Selbstvertrauen hat die Möglichkeit durch Einheitserfahrungen – etwa im Thermalwasser schwebend und verbunden atmend – nachträglich Urvertrauen zu gewinnen. In solchen Erfahrungen des Seins, wo die Grenzen sich auflösen und man eins mit allem wird, geschieht jenes tiefe innere Annehmen, das Verzeihen und Loslassen mit einschließt.
Eine solche Therapie wäre dem Patienten Deutschland zu wünschen, um das Gefühl von Einheit, das die Grenzen, die inneren wie die äußeren schwinden lässt, zu erleben. Hier läge die Chance, in der augenblicklichen verfahrenen Lage wieder Vertrauen zu schöpfen. Insofern wären alle Maßnahmen, die das Einheitsgefühl stärken, die die Menschen jenseits der verschiedenen Grenzen verbinden, wichtiger als all die vielbeschworenen und schon peinlich eingeforderten Geldflüsse. Tatsächlich werden so die Ergebnisse der gemeinsamen Fußballnationalmannschaft wichtiger als die Zuwachsraten der Wirtschaft.
Wir müssten Wir-Gefühl entwickeln und Felder bauen, um wie ein Phönix aus der Asche aufzutauchen. Das Modell der New Yorker U-Bahn, die nach der Theorie der zerbrochenen Fensterscheibe saniert wurde, könnte einem da einfallen. Verfahrener kann die Situation kaum noch werden, warum also nicht anfangen, Felder zu bauen wie ich es versucht habe im letzten Teil von „Woran krankt die Welt“ darzustellen. Die eigentlichen Probleme sind keine der Quantität, sondern der Qualität. Auch wenn sie sich nun auch schon außen zeigen, liegen ihre Ursachen doch innen.
Voraussetzung für ein gesundes Feld und für eine neue Stimmung aber ist das Loslassen von der Vergangenheit, vom Alten Überlebten. Nur aus diesem Grund beschäftigen wir uns in der Psychotherapie mit Vergangenheit bis hin zu Vorleben. So hart die eigene Geschichte auch sein mag, wenn Sie konfrontiert und angenommen wird, und sei es unter Schmerzen, lässt sich damit nicht nur leben, sondern sogar wachsen und Selbstvertrauen daraus gewinnen. In diesem Sinn bräuchte Deutschland Therapie und zwar Schattentherapie, die beiden Deutschlands jedes für sich, und auch das ganze.
Die DDR hat sich aus ihrer Verantwortung für die Nazivergangenheit relativ billig mit ihrem überbetonten Antifaschismustrip herausgestohlen, die BRD hat gezahlt und gezahlt, aber innerlich nicht aufgeräumt. Erstarkende Neonazis sind das erbärmliche äußere Zeichen dafür und über 100 erschlagene und verbrannte Ausländer der schaurige Blutzoll. Weder auf der Ideologie- noch auf der Ökonomieschiene kann offenbar die Vergangenheit befriedigend verarbeitet werden. Weder Projektion noch Ablasszahlungen können helfen, aufgehäufte Schuld zu verarbeiten.
Wenn Deutsche wieder zu Ansehen und einem positiven Identitätsgefühl kommen wollen, zu dem Gefühl also, gern Deutsche in Deutschland zu sein, müssten sie sich von den seelischen Altlasten befreien. Dass das durch Verdrängung nicht geht, zeigt die Vergangenheit, dass es aber auf einem ehrlicheren Weg sehr wohl möglich ist, erleben viele Patienten im Heil-Kunde-Zentrum, die sich mutig und schonungslos mit ihren eigenen individuellen Schattenseiten aussöhnen, und die Früchte in Form von Freiheit und Selbstbestimmung, von Selbstbewusstein und Selbstsicherheit ernten.
Der typische Wendehals ist das Gegenbeispiel zu diesem mutigen Weg. Er hat als Bürgerlicher begonnen, fließend zum Faschismus gewechselt, ist anschließend ein linientreuer Kommunist geworden und kürzlich wieder gutbürgerlich auferstanden. Seelisch ist er in einem erbarmungswürdigen angstgepeinigten Zustand, worüber auch solcherart erschlichener Reichtum nicht hinwegtäuschen kann.
Schuldprojektion war nie eine Lösung, genauso wenig wie die Methode des Kopf-in-den-Sand-Steckens oder des Freikaufens. Ehrliches Aufarbeiten aber kann Abhilfe schaffen. Wenn so das Innenleben der Menschen und das ihres Landes bereinigt und die Vergangenheit aufgearbeitet ist, kann die entstandene innere Stärke auch nach Außen wieder wirken und sogar Vertrauen ausstrahlen.
Hier könnten auch einige ehemalige „Verbündete“ durchaus mitprofitieren. Sicherlich war es aus österreichischer Sicht ein guter Trick, Beethoven in die Wiener Klassik einzugemeinden und Hitler kurzerhand auszubürgern und so als erste überfallene Nation in die Geschichte einzugehen. Auch die italienische Variante, als Erfinder des Faschismus und des KZ den Krieg noch als Siegermacht zu beenden, hatte natürlich einiges für sich, nur ehrlich war sie nicht und mit Verarbeitung der eigenen Geschichte hat sie auch nichts zu tun. Selbst die katholische Kirche wird zum traurigen Beispiel. Sie muss – global gesehen - solange ihren Abstieg fortsetzen und äußerlich und innerlich schwächer werden, bis sie ihre Geschichte – einschließlich Kreuzzüge und Inquisition - nicht nur eingesteht, sondern verarbeitet. Das ständige Auftauchen abenteuerlicher Verfehlungen verschiedenster Würdenträger aller Ebenen ist ein Indiz für den innerlich zerrütteten Zustand. Der Boden, auf dem solches geschieht, ist eine ungelöste, weil verdrängte Geschichte.
Wer solchen Rat zur Aufarbeitung gibt, muss es gut meinen mit der Kirche und mit Deutschland, auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so erscheinen mag. Nur wer zu seiner Geschichte und seinen Schatten – und seien sie noch so deprimierend - steht, kann sich langfristig gegenüber dem Außen gerade machen und innerlich gedeihen.
So könnte die aktuelle Krise sogar noch immer heilsame Auswirkungen haben. Durch Wirtschaftswachstum auffangen und einfach übergehen lassen, wird sie sich sicherlich nicht, sofern letzteres bei der im Lande herrschenden Stimmung überhaupt eintreten kann.
Wie die Zellen einen Körper aufbauen, ist der Organismus des Staates aus Bürgern aufgebaut, die gleichsam seine Zellen bilden. Viele einzelne Zellen, die wieder Mut fassen und bei sich mit aufzuräumen beginnen, könnten noch am ehesten ein neues Feld schaffen und so der neuen äußerlich so eindrucksvoll gewachsenen Rolle des ganzen (Deutschlands) eine innere Basis geben.
Wenn einer träumt, ist es ein Traum, wenn viele träumen, entsteht eine neue Wirklichkeit.

Aus: DAHLKE-INFO No. 02/05

 

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